Band 069: Der böse Geist vom Waisenhaus

Band 069: Der böse Geist vom Waisenhaus
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Gebundenes Buch · 192 Seiten · 12.2 x 18.8 cm
cbj
Juli 2004
€ 7,50 [D] | € 7,80 [A] | CHF 13,90 (UVP)
978-3-570-15068-9
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Leseprobe

llustration von Seite 93.
llustration von Seite 93.

Der Hilferuf kam um 14.07 Uhr an einem Donnerstag Ende Oktober, als die TKKG-Bande sich bei Computer-Karl versammelt hatte: in dessen poppiger Bude, die mit soviel Technik ausgestattet ist wie ein super-modernes Firmenbüro. Echt! dachte Tim, der früher den Spitznamen Tarzan hatte. Man würde es nicht vermuten: Karls Bude befindet sich in der trutzigen, alten Villa der Viersteins. Drum herum sieht alles aus wie im Jahre 1899 - hier wie in 2010.
Karls Mutter hatte Kekse angeliefert und Früchtetee. Klößchen futterte unentwegt. Karl laberte über ein neues Software-Produkt. Gaby hörte nicht zu, sondern prüfte ihren linken Daumennagel, der offenbar gefeilt werden mußte.
Und Tim, der neben dem Telefon saß, griff zum Hörer, als der Apparat in diesem Moment klingelte.
„Bei Professor Vierstein", meldete er sich.
Stille.
Die Leitung war offen, aber der Anrufer schwieg.
„Heh!" sagte Tim. „Sind Sie falsch verbunden oder mundfaul?"
Ein Schluchzen antwortete.
Das Weinen eines Kindes drang durch die Leitung.
„Hallo!" sagte Tim. „Wer ist denn dort?"
Wieder das Schluchzen. „Der Papa hat... Die Mamma liegt auf dem Boden. Sie... ist... ganz tot."
Tim atmete durch. „Sag mir bitte, wie du heißt."
„Anna... Anna Schengmann. Papa hat mich... eingeschlossen. Kannst du herkommen?"
„Wie alt bist du, Anna?"
„Vier."
„Und wo wohnst du?"
„In einem gelben Haus. Bist du Polizist?"
„Nein, Anna. Ich bin kein Polizist. Du hast sicherlich irgendeine Nummer gewählt. Sag mir: In welcher Straße wohnst du?"
„Blumen-Straße. Die Mamma ist bestimmt... tot. Papa hat sie gehauen. Ich bin eingeschlossen im Wohnzimmer. Ich... Der Papa kommt. Ich..."
Es knackte. Die Verbindung war unterbrochen.
Tim starrte den Hörer an und kam sich vor für zwei Sekunden, als hätte ihn ein Medizinball an der Rübe getroffen.
„Wer war denn das?"
Gaby öffnete ihre Kornblumenaugen ganz weit und schob die Brauen fragend unter den Goldpony hinauf.
Tim schnellte hoch.
„Ich erzähle unterwegs. Offenbar eine Familientragödie. Ein Verbrechen. Blumen-Straße. Das schaffen wir in zehn Minuten. Los!"

Illustration von Seite 164.
Illustration von Seite 164.

*

Die Blätter fielen. In den Parks und Gärten wurden die Bäume kahl. Die Blumenkästen verschwanden von den Balkons, und der erste Nachtfrost setzte den Tieren zu: den Tauben und Singvögeln, den Mäusen und den herrenlosen Katzen.
Tim und seine Freunde radelten mit verschärftem Tempo. Er hatte erzählt.
„Ist doch mehr ein Fall für die Polizei als für uns", schnaufte Klößchen, der bedrohlich viel Action auf sich zukommen sah.
„Erstens ist Gabys Vater nicht da", erwiderte Tim, „sondern auf Euro-Lehrgang für Sonderkommissare in Brüssel. Und an wen sonst sollten wir uns ranschmeißen mit so einer Sache? Zweitens könnte Annas Hilferuf blinder Alarm sein -ein Mißverständnis."
„Sehr gut möglich." Karl nickte. „Eine Vierjährige hat noch nicht den Durchblick und erschrickt sich dann leicht."
„Aber wir", sagte Gaby, „werden alles genau überprüfen."
„Vielleicht kriegen wir eins auf den Deckel", rief Klößchen, der hinten fuhr. „Sicherlich ist die Frau nur bewußtlos. Und wir mischen uns in eine Familienangelegenheit ein. Das ist privat."
„Spinnst du?" Tim schüttelte den Kopf. „Ein Kind ruft um Hilfe. Selbstverständlich mischen wir uns da ein. Die Scheu davor, die Hemmung - das ist es ja gerade, weshalb soviel Unglück nicht verhindert wird. Es gibt doch nicht nur intakte Familien."
„Stimmt!" pflichtete Gaby ihm bei. „Ich weiß es von meinem Papi. Allzu oft ist die Familie Schauplatz von Verbrechen. Von Mißhandlung, Quälerei und Körperverletzung. Damit meine ich: Unfähige und verrohte Eltern begehen diese Verbrechen an ihren Kindern. An kleinen Kindern, also den hilflosesten unter den Menschen."
„Hab' davon gehört", sagte Klößchen. „Aber Anna sagte doch, die Mamma sei tot."
„Wo ist da der Unterschied?" rief Tim. „Was es auch ist: Wir mischen uns ein. Grundsätzlich mischen wir uns ein, wenn irgendwo Unrecht geschieht."
Er spähte nach vorn.
Dort begann die Blumen-Straße.
Sie war, als Wohngegend, eher kleinkariert, aber nicht übel.
Schlichte Häuser. Gärten. Kleine Gewerbebetriebe. Wer keine Garage hatte, parkte seinen Klein- oder Mittelklassewagen am Bordstein.
Jetzt - es war ein kalter Tag mit Nieselregen und grauem Himmel - war wenig los auf Fahrbahn und Gehsteig.
Tim ließ sein Rennrad rollen und hielt Ausschau.
Nur ein Haus war gelb.
Es wirkte verkommen, das übrige Grundstück auch: ein Hof mit Schuppen, ein ungeliebter Garten hinter dem Haus, eine Kinderschaukel am Metallrohrgestell.
Die Seile der Schaukel fransten aus, waren lebensgefährlich abgenutzt.
Nr. 11 - das Blechschild neben der Haustür hatte Roststellen.
Tim sah zur Uhr. Sie hatten zwölf Minuten gebraucht, knapp 13-genaugenommen.