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Die Blätter fielen. In den Parks und Gärten wurden die Bäume kahl. Die Blumenkästen verschwanden von den Balkons, und der erste Nachtfrost setzte den Tieren zu: den Tauben und Singvögeln, den Mäusen und den herrenlosen Katzen.
Tim und seine Freunde radelten mit verschärftem Tempo. Er hatte erzählt.
„Ist doch mehr ein Fall für die Polizei als für uns", schnaufte Klößchen, der bedrohlich viel Action auf sich zukommen sah.
„Erstens ist Gabys Vater nicht da", erwiderte Tim, „sondern auf Euro-Lehrgang für Sonderkommissare in Brüssel. Und an wen sonst sollten wir uns ranschmeißen mit so einer Sache? Zweitens könnte Annas Hilferuf blinder Alarm sein -ein Mißverständnis."
„Sehr gut möglich." Karl nickte. „Eine Vierjährige hat noch nicht den Durchblick und erschrickt sich dann leicht."
„Aber wir", sagte Gaby, „werden alles genau überprüfen."
„Vielleicht kriegen wir eins auf den Deckel", rief Klößchen, der hinten fuhr. „Sicherlich ist die Frau nur bewußtlos. Und wir mischen uns in eine Familienangelegenheit ein. Das ist privat."
„Spinnst du?" Tim schüttelte den Kopf. „Ein Kind ruft um Hilfe. Selbstverständlich mischen wir uns da ein. Die Scheu davor, die Hemmung - das ist es ja gerade, weshalb soviel Unglück nicht verhindert wird. Es gibt doch nicht nur intakte Familien."
„Stimmt!" pflichtete Gaby ihm bei. „Ich weiß es von meinem Papi. Allzu oft ist die Familie Schauplatz von Verbrechen. Von Mißhandlung, Quälerei und Körperverletzung. Damit meine ich: Unfähige und verrohte Eltern begehen diese Verbrechen an ihren Kindern. An kleinen Kindern, also den hilflosesten unter den Menschen."
„Hab' davon gehört", sagte Klößchen. „Aber Anna sagte doch, die Mamma sei tot."
„Wo ist da der Unterschied?" rief Tim. „Was es auch ist: Wir mischen uns ein. Grundsätzlich mischen wir uns ein, wenn irgendwo Unrecht geschieht."
Er spähte nach vorn.
Dort begann die Blumen-Straße.
Sie war, als Wohngegend, eher kleinkariert, aber nicht übel.
Schlichte Häuser. Gärten. Kleine Gewerbebetriebe. Wer keine Garage hatte, parkte seinen Klein- oder Mittelklassewagen am Bordstein.
Jetzt - es war ein kalter Tag mit Nieselregen und grauem Himmel - war wenig los auf Fahrbahn und Gehsteig.
Tim ließ sein Rennrad rollen und hielt Ausschau.
Nur ein Haus war gelb.
Es wirkte verkommen, das übrige Grundstück auch: ein Hof mit Schuppen, ein ungeliebter Garten hinter dem Haus, eine Kinderschaukel am Metallrohrgestell.
Die Seile der Schaukel fransten aus, waren lebensgefährlich abgenutzt.
Nr. 11 - das Blechschild neben der Haustür hatte Roststellen.
Tim sah zur Uhr. Sie hatten zwölf Minuten gebraucht, knapp 13-genaugenommen.